Mütter sind Organisationstalente

Mütter sind Organisationstalente, besonders wenn die Familien bis zu acht Kindern zählen. Aber diese Kompetenz wird kaum wertgeschätzt, sie wird als selbstverständlich betrachtet. Auf dieser These beruht ein neues Projekt vom Träger des Dütti-Treffs, VIA in Berlin e.V., das Mütter ohne berufliche Qualifizierung zu einer Ausbildung, oder sogar einem Job verhelfen will. Finanziert wird es von der EU, dem Land Berlin und dem Bezirk. Wie es das Potential von Müttern entfachen will, lesen Sie hier.

Es ist doch seltsam, wie unterschiedlich die Anerkennung von Menschen und Berufen ausfällt. Erfolgreiche Schauspieler*innen genießen Status und sind hochbezahlt, retten aber keine Leben wie Krankenpfleger*innen oder Feuerwehrpersonal, die für ihre Arbeit eher knapp bezahlt werden. Wenn ein/e* Unternehmer*in sich rund um die Uhr für die Firma einsetzt, wird deren Aufopferungsbereitschaft bewundert, dass eine Mutter Vollzeit für ihre Kinder einsatzbereit ist, wird hingegen vorausgesetzt. Auffallen würde jedoch, wenn sie es nicht ist.

In ökonomisch schwachen Familien sieht man nicht selten ein konservatives Rollenbild wie es in Deutschland bis in die 70er Jahre die Norm in Mittelschichtsfamilien war, da Frauen sich den Arbeitsmarkt erst erobern mussten. Eine Mutter kriegt Kinder und kümmert sich um die Familie, ein Vater sorgt für das Materielle und wird erzieherisch nur in Ausnahmefällen aktiv. So kommt es häufig vor, dass Frauen sehr jung heiraten und Kinder kriegen, oft ohne eine Ausbildung gemacht zu haben. Sind die Kinder einmal aus dem Gröbsten heraus, haben sie mehr Zeit. Viele davon haben dann den Wunsch zu arbeiten, um zum Unterhalt der Familie beizutragen, oder weil sie mehr aus sich machen wollen. Nur liegt die Zeit der Schule und der Ausbildung so weit zurück, dass der Anschluss an die Berufswelt schier unerreichbar scheint. Was paradox ist, denn eigentlich sind ihre Kompetenzen sehr hoch, nur der Glaube an diese eher niedrig.

Genau hier setzt das Projekt «Mütter stärken» an, dass aus drei Phasen besteht. Wie der französische Essayist Montaigne vor Jahrhunderten sinngemäß sagte, sind es weniger die Tatsachen selbst, als die Wahrnehmung dieser, die ausschlaggebend sind. Der hochtrabende Ausflug in die Renaissance sei mir verziehen. Um die Anschlussfähigkeit an die Berufswelt der Mütter zu erhöhen, wird zu erst an der Wahrnehmung ihrer Fähigkeiten gearbeitet. In einer ersten dreimonatigen Phase werden sie von ihrer Alltagsumgebung in eine ganz neue gebracht. Die Praxisprojekte bietet ihnen die Arbeit mit Holz, die Vorbereitung einer Modenschau, oder einem Bereich ihrer Wahl, in den sie immer schon mal schnuppern wollten. Am Ende dieser Phase werden ihre Arbeiten gebührend präsentiert und dokumentiert.Geplant ist eine Modenschau am 13. September 2019 auf dem Werner-Düttmann-Platz. Die Hoffnung ist, dass die Mütter merken: Mit der richtigen Unterstützung und einem Rahmen, der sie fördert, können sie viel mehr, als sie vielleicht glauben.

Drei Phasen, ein Ziel: Ausbildung und Beruf Müttern ohne Qualifikation näher bringen.

In einer zweiten Phase wird ihr Wunsch nach einer Ausbildung ausgelotet. Berufe und Firmen werden vorgestellt, die sie bei Ausflügen kennenlernen. Zu den Berufen wird erläutert, welche Kompetenzen nötig sind und wo man sich diese aneignen kann. Die Firmen und Berufe werden auch mit den Müttern ausgesucht, wobei der Bedarf nach Personal in der jeweiligen Branche mit in Betracht gezogen wird. Wichtig ist, und das ist die zweite zentrale These des Projekts, dass die Ausbildung oder Beruf, auf den sie abzielen, ihrer Sensibilität und ihrem Interesse entspricht. Es ist leichter, ein Glimmen zu einer Flamme zu entfachen, als ein Feuer aus dem Nichts zu zünden. Im ersten Fall fehlt nur das nötige Brennmaterial und ein wenig Know-How, im zweiten muss man von Null anfangen.

Haben sie eine Ausbildungsrichtung ins Auge gefasst, werden die Erfordernisse mit den Kompetenzen, die sie mitbringen, verglichen. Darauf basierend erstellt das Projektteam einen sechsmonatigen Lehrplan, gemeinsam mit der jeweiligen Mutter, der passgenau auf diese gemünzt ist. Das ist die dritte Phase des Projekts, alles andere als ein standardisiertes Programm vieler Maßnahmen, dessen Effekt hier in Frage gestellt sei. Zur Entlastung dieser: Massenprogramme müssen nach dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners funktionieren.

Eine weitere Herausforderung solcher Programme ist die mangelnde Nachhaltigkeit. Mündet so ein Programm nicht in eine Beschäftigung, gehen die Teilnehmerinnen schlagartig von einem 40-Stunden-Wochenprogramm zu einer Periode von Leere über. Dem will «Mütter stärken» vorbeugen, in dem es auf die Bildung einer Gemeinschaft setzt: Die Teilnehmerinnen sollen zu einem Kreis werden, der sich gegenseitig unterstützt und motiviert, dran zu bleiben. Auch nach dem Ende des Projekts. Solche neuen Wege zu probieren, ist im Rahmen des Förderprogramms nicht nur möglich, sondern auch ausdrücklich gewünscht. Im Fachjargon nennt man das soziale Innovation und um diese zu testen, ermöglicht das Programm Modellprojekte wie «Mütter stärken» in der Düttmann-Siedlung.

Mütter stärken setzt auf die Kraft der Gemeinschaft, um nachhaltig zu wirken.

Das Projekt werden durchführen: Serife Gülen, die eine langjährige Erfahrung von sozialer Arbeit mitbringt, Adrian Garcia-Landa, der neben Newslettern für Quartiersmanagemente auch etwas einschlägige Erfahrung vorweist und die Mittel akquirierte, sowie André Kremer, der als Schnittstelle zwischen der «Feldarbeit» und dem Träger fungiert. Emine Yilmaz spielt auch in diesem Kontext eine nicht unerhebliche Rolle, um nicht zu sagen eine entscheidende. Als Leiterin des Dütti-Treffs stellt sie Räume zur Verfügung, und ohne ihre langjährige Arbeit und genaue Kenntnis der Bedürfnisse der Mütter der Siedlung, wäre dieses Projekt nie zu Stande gekommen. Ihr wertvolles Wissen floss direkt in die Konzeption von «Mütter stärken».

Die Ausrichtung des Unterprogramms PEB, Partnerschaft – Entwicklung – Beschäftigung, des Europäischen Sozialfonds: Die Beschäftigungsfähigkeit von arbeitsmarktfernen Zielgruppen zu stärken, zu denen auch viele der Mütter in der Düttmann-Siedlung zählen. Aus diesem Topf stammen die Hälfte der Mittel, ein Viertel stammt vom Land Berlin, der Rest sind teilweise Mittel aus dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, teilweise Eigenmittel des Trägers VIA e.V. in Berlin. In Summe hat das Projekt ein Volumen von 190.000 €, die auf zwei Jahre verteilt sind.

Um den Artikel mit einem Ausflug zur Renaissance und schreibenden Franzosen abzuschließen, schlage ich dieses Zitat vor, wieder von Montaigne. Damit qualifiziert er sich zum Feminist, noch bevor es dieses Wort gab : «Frauen haben überhaupt nicht Unrecht, wenn sie die Regeln dieser Welt ablehnen, denn diese haben Männer ohne sie aufgestellt.» (Essais, Band 3, Kap. 5) Zweifelsohne. Ausschließlich eine Mutter zu sein, ist sicherlich eher eine Idee von Männern. Mais oui, mais oui…

Artikel von der Kiezredaktion des QMs Düttmann-Siedlung

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